Therapieformen

Alle Therapiemethoden, die Sie hier in unserer Übersicht finden, kommen bei der Behandlung von Essstörungen mit Erfolg zum Einsatz. Viele von ihnen ermöglichen den Betroffenen durch den Einsatz von körperorientierten, kreativen oder anderen Methoden, ihre Gefühle wieder besser wahrzunehmen und auszudrücken.

 

Welche der Methoden am besten geeignet ist, klären wir im konkreten Fall in einem ausführlichem Beratungsgespräch.
Neben der Einschätzung der Beraterin hängt es auch von persönlichen Wünschen, Zielsetzungen, der individuellen Lebenssituation und möglicherweise bereits bestehenden therapeutischen Vorerfahrungen ab, für welche Therapierichtung sich Betroffene entscheiden.

 

Verhaltenstherapie

Die Verhaltenstherapie ist aus der Lerntheorie entstanden. Sehr vereinfacht ausgedrückt besagt ihre Grundannahme, dass Verhalten, das erlernt wurde, auch wieder verlernt bzw. umgelernt werden kann. Gemeint ist hierbei nicht nur das beobachtbare Verhalten, sondern auch bestimmte, wiederkehrende Gedankenmuster, die wir als belastend erleben.

Das tatsächliche, beobachtbare Verhalten steht bei der klassischen Verhaltenstherapie im Vordergrund. Bei der kognitiven Verhaltenstherapie dagegen geht es um das Erkennen und Beeinflussen von Gedankenmustern. Fast alle modernen Verhaltenstherapeuten arbeiten mit Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie. In den neueren Entwicklungen der Verhaltenstherapie wird außerdem der Bedeutung der Emotionen zunehmend größere Aufmerksamkeit geschenkt.

Alle Formen der Verhaltenstherapie konzentrieren sich in erster Linie auf das aktuelle Verhalten. Die Biographie spielt zwar auch immer eine Rolle, steht aber nie im Zentrum der therapeutischen Bemühungen.

Verhaltenstherapie bei Essstörungen

Am Beginn einer kognitiven Verhaltenstherapie steht immer eine Verhaltensanalyse. Diese dient dazu, genauer zu erfassen, in welchen Situationen ein problematisches Verhalten auftritt, zum Beispiel bei einem Ess-Brech-Anfall. So wird zunächst genau untersucht, in welcher Situation er aufgetreten ist, welche Gedanken und Gefühle vor, während und nach dem Anfall bestimmend waren und welche Folgen der Ess-Brech-Anfall hatte.

Wenn das Ess- und Verhaltensmuster genau beschrieben und verstanden worden ist, überlegen Therapeut und Klient gemeinsam, wie die auslösende Situation vermieden bzw. so umgestaltet werden kann, dass es nicht zu einem bulimischen Anfall kommt. Beispielsweise, in dem der Klient Situationen vermeidet, die zu Gefühlen von Leere und Einsamkeit führen. Es wird erarbeitet, welche Alternativen der Klient in der Auslösesituation hat, um seine Gefühle und Gedanken zu regulieren, beispielsweise indem er einen Spaziergang macht oder eine Freundin anruft. Eventuell wird auch besprochen, wie er sich belohnen kann, wenn er es geschafft hat, den Ess-Brech-Anfall erfolgreich zu unterlassen.

Bei der Bulimie ist es zudem wichtig, den Klienten wieder an eine geregelte Mahlzeitenstruktur heranzuführen und das außerhalb der Ess-Brech-Anfälle meist stark eingeschränkte Essverhalten zu verändern. Auch hier kann die Verhaltenstherapie, eventuell in Kombination mit einer Ernährungsberatung, wertvolle Hilfe leisten.

Andere Probleme, die bei Essstörungen häufig auftreten, wie beispielsweise Selbstunsicherheit, werden ebenfalls behandelt, zum Beispiel durch Übungen und Rollenspiele.

Tiefenpsychologische und psychoanalytische Therapie

Die Psychoanalyse basiert ursprünglich auf den Konzepten Sigmund Freuds, die auch heute noch eine große Rolle in der psychoanalytischen Therapie und Behandlung spielen. Die psychoanalytische Theorie und Behandlungstechnik hat sich in vielerlei Hinsicht fortentwickelt und erweitert. Ein Beispiel dafür ist die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie.

Im Mittelpunkt steht immer der Versuch, zu verstehen, warum jemand so geworden ist, wie er ist, und wie sich seine Lebenserfahrungen und seine unbewussten, ungelösten inneren Konflikte in seinem heutigen Leben auswirken. Es wird ermittelt, wie sich diese Erfahrungen in seinem Verhalten, seinem bewussten und unbewussten Erleben und seinen zwischenmenschlichen Beziehungen niederschlagen. Einer der zentralen Wirkfaktoren dieser Therapieformen ist also die Einsicht. Auf der Grundlage dieser Einsicht ist es leichter, das eigene Verhalten und und die Beziehungen zu verändern, da beides nun nicht mehr so stark von unverstandenen, ungelösten Problemen und inneren Konflikten gesteuert wird.

Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und Psychoanalyse bei Essstörungen

Der therapeutische Prozess erschöpft sich jedoch nicht im Sprechen über die eigene Lebensgeschichte. Vielmehr spiegeln sich lebensgeschichtliche Erfahrungen früher oder später auch immer in der therapeutischen Situation und therapeutischen Beziehung und können so gemeinsam mit dem Therapeuten verstanden und bearbeitet werden. Auf diese Weise werden  neue und heilsame Erfahrungen innerhalb und außerhalb der therapeutischen Situation möglich, so dass letztendlich das Symptom, wie zum Beispiel die Essstörung nicht mehr als - scheinbare - Lösung für innere Konflikte benötigt wird.

Eine Essstörung wird in diesen Therapieformen also als Ausdruck und Lösungsversuch innerer psychischer Konflikte gesehen, der sich vor dem Hintergrund der individuellen Lebensgeschichte des Klienten entwickelt hat. Das Verständnis für diese Konflikte und die ihnen zugrunde liegenden Lebenserfahrungen stellt die Grundlage dar, um für sie neue, sinnvollere und gesündere Lösungsmöglichkeiten zu finden. Wenn nötig und sinnvoll, finden auch Elemente anderer Therapieformen wie zum Beispiel der Verhaltenstherapie Eingang in eine tiefenpsychologisch bzw. analytisch orientierte Psychotherapie. So kann beispielsweise bei einer Anorexie ein Gewichtsvertrag geschlossen werden oder bei einer Bulimie ein Vertrag zur Reduktion bzw. Aufgabe der Ess-Brech-Anfälle.

Ambulante Psychotherapie

Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und die Psychoanalyse leiten sich von der gleichen theoretischen Grundlage ab, unterscheiden sich aber in Umfang, Dauer, Techniken und Zielsetzung. Eine klassische Psychoanalyse umfasst mindestens zwei, meist drei Wochenstunden und findet häufig im Liegen - auf der berühmten "Couch" - statt. Von der Krankenkasse werden in der Regel bis zu 300 Behandlungsstunden übernommen. Die Behandlung kann sich über mehrere Jahre erstrecken. Zielsetzung einer Psychoanalyse ist eine umfassende, heilsame Veränderung der Persönlichkeit.

Eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie hat begrenztere Zielsetzungen: Es soll - auf der Basis der in der Therapie gewonnenen Einsichten in innerseelische Zusammenhänge - im Wesentlichen eine Symptomreduktion und Verhaltensänderung erreicht werden. Sie findet in der Regel einmal pro Woche im Sitzen statt und umfasst üblicherweise maximal 100 Behandlungsstunden. Im Vergleich zu einer Psychoanalyse ist der Therapeut bei einer tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie meist aktiver, stellt also beispielsweise mehr Fragen, gibt mehr Rückmeldungen und lenkt das Gespräch stärker als in einer Psychoanalyse.

Systemische Therapie / Familientherapie

In einer systemischen Therapie bzw. Familientherapie steht neben der betroffenen Person ihr soziales Umfeld im Mittelpunkt. Die Essstörung wird hier nicht als alleiniges Problem der betroffenen Person verstanden, sondern als Symptom dafür, dass es - zum Beispiel im Familiensystem - Probleme und Schwierigkeiten gibt. Eine Essstörung wird als Lösungsversuch angesehen, diese Probleme zu bewältigen.

Dabei löst das Verhalten der betroffenen Person bei Eltern und Geschwistern eine Reaktion aus. Diese bestimmt wiederum das Verhalten des Betroffenen und es entwickeln sich Muster, die die Essstörung aufrecht erhalten können und jedes Familienmitglied belasten.

In einer systemischen Therapie oder Familientherapie werden solche Muster aufgedeckt und gemeinsam neue Verhaltensweisen entwickelt. Sobald sich das Verhalten eines Familienmitgliedes verändert, können neue Verhaltensweisen in der Familie entstehen. Die Familie erhält die Möglichkeit, gemeinsam nach Veränderungen zu suchen und auch die Probleme, die zu der Essstörung geführt haben zu lösen. Dabei stehen die Stärken der Familie und der Einzelpersonen ganz klar im Vordergrund und es wird gezielt nach Lösungen gesucht.

Besonders für junge Betroffene, die noch in ihrer Familie leben, ist diese Therapieform sehr sinnvoll. Aber auch für solche, die nicht mehr in ihrer Herkunftsfamilie leben, kann das Angebot hilfreich sein. Denn oft nehmen wir Denk- und Verhaltensmuster aus der Herkunftsfamilie auf dem weiteren Lebensweg einfach mit. Daher bietet sich eine Familientherapie mit der Familie an, es kann jedoch auch als Einzelperson systemisch bzw. familien-therapeutisch gearbeitet werden.

Körperpsychotherapie

Körperpsychotherapie bezieht die Arbeit mit dem Körper in die Psychotherapie mit ein, beispielsweise in Form von Atemübungen, Körperwahrnehmungsübungen, Körperausdruck über Bewegung und Stimme und vieles mehr. Das alles findet während des therapeutischen Geprächs statt und kann helfen, Gefühle besser zu spüren, zuzulassen, zu verstehen und auszudrücken.

Der Körper kann sich an alles erinnern was uns im Laufe unseres Lebens begegnet ist. Daher kann er auch bei der Verarbeitung schwieriger Erlebnisse mit den damit verbundenen Gefühlen wie Angst oder Trauer helfen.

Darüberhinaus haben die meisten Menschen, die von einer Essstörung betroffen sind, den guten Kontakt zu ihrem eigenen Körper verloren oder nie entwickeln können. Der Körper wird zum Feind. Er wird gefürchtet und gehasst. Hier hilft die Körperpsychotherapie, sich im eigenen Körper (wieder) zuhause fühlen zu können und dem Körper (wieder) zu vertrauen. Der kritische Blick von außen auf den Körper kann sich in ein angenehmes Körpererleben von innen her wandeln. Insgesamt kann die Körperpsychotherapie ein befriedigenderes und erfüllteres Selbsterleben bewirken.

Nicht zu verwechseln ist die Körperpsychotherapie mit reinen Körpertherapien. Diese - Feldenkraisarbeit, Autogenes Training, Craniosakrale Therapie und andere - sind Methoden zur Körpererfahrung,  Körperwahrnehmung und Behandlung von somatischen (körperlichen) bzw. psychosomatischen Beschwerden. Sie bewirken eine Erweiterung des Körperbewusstseins, Entspannung, Lockerung und Neu-Organisation auf körperlicher Ebene, was sich natürlich auch positiv auf die Seele, auf das Denken und Fühlen auswirkt. Sie können als Begleitung und Unterstützung von Psychotherapie eingesetzt werden und sind gerade bei einer Behandlung von Essstörungen sehr empfehlenswert.

Tanz- und Bewegungstherapie

Auch die Tanztherapie ist eine Form von Körpertherapie. Bei ihr geht es darum, Körpererleben und psychisches Erleben in Bewegung umzusetzen. Wie die anderen kreativen Therapieformen ermöglicht die Tanztherapie Zugänge zu rational und verbal (noch) nicht zugänglichen Bereichen. Dabei geht es nicht um ein "Tanzen" im ästhetischen Sinne, sondern oft um sehr einfache, primäre Bewegungen wie Stehen, Auftreten, Gehen, Sich-Aufrichten, Sich-Wiegen.

Über das Entdecken neuer Bewegungen können Selbsterfahrungen gemacht werden, die reale Veränderungen im Umgang mit sich, mit anderen und mit dem Leben bewirken. Auch bietet die Tanztherapie die Möglichkeit, bislang ungelöste Themen in der Bewegung auszudrücken und auszuagieren. Über den Tanz kommen dabei Veränderungsprozesse in Gang, die Lösungen für diese Themen entdecken lassen, die im Gespräch nicht erkennbar waren.

Gerade Menschen mit Essstörungen können ihren sonst oft als fremd oder feindlich empfundenen Körper im Tanz endlich positiv erleben, indem sie in der Bewegung ihre Kraft und Lebendigkeit ebenso wie ihre Weichheit und Empfindsamkeit spüren.

Tanztherapie findet oft in der Gruppe statt, ist aber auch als Einzeltherapie möglich. Sowohl die anderen in der Gruppe als auch der Einzeltherapeut sind dabei wichtig als wertschätzendes Gegenüber, das respektvoll Raum gibt für die eigenen Erfahrungen, als Spiegel für die neu entdeckten Bewegungen oder auch als Angebot, sich auf neue Erfahrungen mit Kontakt und Berührung einzulassen.

Kunsttherapie

Malen und Gestalten bieten einen direkten Zugang zu Emotionen und innerem Erleben. Dieser Zugang ist für Menschen mit Essstörungen oftmals mehr oder weniger verschlossen, weil Gefühle und Sich-selbst-Spüren eher als bedrohlich erlebt werden. Das Sich-Ausdrücken in Bildern und Skulpturen kann dabei helfen, weil es eine behutsame Art und Weise ist, sich an sich selbst anzunähern.

Alles ist im Bild oder in der Skulptur gut aufgehoben und wird nur so weit entschlüsselt, wie jeder Einzelne dies möchte und kann. Somit kann die Kunsttherapie auch ein Weg sein, sich mit Hintergründen und Ursachen der Essstörung auf eine non-verbale, also nicht-sprachliche Art und Weise auseinanderzusetzen und nach Aus-Wegen zu suchen oder neue Wege zu finden. In Bildern und Skulpturen können den Betroffenen dabei Aspekte begegnen, die ihnen bisher gar nicht oder nicht so deutlich bewusst waren.

Darüber hinaus können durch das Malen und Gestalten psychische Spannungen „abreagiert“ werden, die sonst innerhalb der Essstörung - zum Beispiel in einem Ess-Brech-Anfall - Entladung gefunden haben. Das Malen und Gestalten kann auch eine Möglichkeit eröffnen, sich still und meditativ mit sich selbst zu beschäftigen und sich zu entspannen.

Zudem kann das kreative Gestalten viel Freude machen. Es stärkt das Selbstwertgefühl der Klienten, wenn sie sehen, was alles durch ihre Hände entstehen kann, wenn Sie nur den „Kunstanspruch“ vergessen.

Gestalttherapie

Die Gestalttherapie hat viele eigene Interventionstechniken entwickelt. Die berühmteste ist vielleicht die sogenannte Stuhlarbeit. Die Gestaltherapie bedient sich vieler Methoden, unter anderem aus der Körper- und Kunsttherapie, hat aber darüberhinaus eine grundlegende Lebens- und Therapiephilosopie.

Einige Grundgedanken der Gestalttherapie nennt Eric H. Marcus in seinem Buch Gestalttherapie, Hamburg 1979:

 

  • "Lebe jetzt. Kümmere dich um die Gegenwart statt um die Vergangenheit und die Zukunft."
  • "Lebe hier. Beschäftige dich mit dem Anwesenden statt mit dem Abwesenden".
  • "Höre auf, dir etwas vorzustellen. Erfahre die Realität".
  • "Höre auf, unnötig zu denken. Besser: Probier und schau."
  • "Lass dich auf Unerfreuliches und Schmerz ebenso ein wie auf Freude."
  • "Akzeptiere dich (und die anderen), weil du jetzt bist (wie sie jetzt sind)."

 

Menschliches Leben im Sinne der Gestalt-"philosophie" ist ein fortwährender Wachstumsprozess - hin zu immer mehr seelischer und geistiger Gesundheit, die im Sinne einer Körper-Seele-Geist-Einheit eng mit der körperlichen Gesundheit verbunden ist und diese auch bedingt. Nicht zu verwechseln ist die Gestalttherapie mit der Gestaltungstherapie, die zur Kunsttherapie gehört.

 
 
nach oben